Rattenhalter-burnout


Emotionalität kontra Rationalität?
(Beitrag im “Rattgeber” Nr.70 2006)

Der Artikel im letzten RG von Dagmar hat mich sehr angesprochen, zumal das Thema auch leider ein aktuelles ist. Im letzten Jahr haben viele gute Freunde und Tiervermittler ihre Arbeit eingestellt – aus unterschiedlichsten Bewegungen, aber aus dem selben Grund: Überforderung.
Leider hat in den letzten Jahren die Anzahl bedürftiger Kleintiere aus Notfällen kontinuierlich zugenommen, damit der Druck auf den verantwortungsbewußten Vermittler/ Pfleger ebenso. Natürlich macht man sich Gedanken, v.a. über die Arten, deren Vermehrungsrate hoch ist oder über exotische Arten, deren Ansprüche in der Heimtierhaltung gar nicht zu erfüllen sind.
Wer aus Freude an den Tieren und Achtung vor ihren Haltungsansprüchen und dem Leben selbst sich dazu entschließt, gerade den benachteiligten Tieren helfen zu wollen, ist emotional stark an diese Tiere gebunden, sonst könnte er ihnen nicht angemessen helfen. Da es allerdings sehr viele Tiere in Not gibt – dank der Unverantwortlichkeit des Menschen – werden auch immer mehr Tiere aufgenommen, das ist ein schleichender Prozeß. Das geht bishin zur Selbstaufgabe – ein Leben nur noch für die Tiere.Wenn die anderen Lebensbereiche vernachlässigt werden macht sich das allerdings bemerkbar – und geht meist nicht gut aus.
Jeder Halter hat eine gewisse Kapazität für die Tiere, diese ist nicht nur am vorhandenen Platz festzumachen – einen Käfig kann ich kaufen, Zeit und Geld nicht. Ab einem gewissen Punkt kann man, trotz aller Bemühungen, den Tieren nicht mehr gerecht werden, und wird dadurch unzufrieden, was sich wiederum auf die Tiere auswirkt u.s.w.. Das ist ein Kreislauf, dessen Spirale sich kontinuierlich nach unten bewegt und der nur durch Vernunft durchbrochen werden kann. Leider schaffen es viele nicht von selbst, weil sie u.a. nicht i.d. Lage sind, um Hilfe von außen zu bitten, sich schämen oder Angst haben. So kann selbst der Mensch mit den besten Absichten zum neuen großen Notfall werden, diese Gefahr besteht leider immer.
Wir sollten deshalb immer auch – neben den Tieren – unsere Mitmenschen im Auge haben, gegebenenfalls Hilfe zur Selbsthilfe anbieten. Das heißt nicht, daß wir unser Umfeld kontrollieren sollen, sondern wir sollten Vertrauen leben und mehr miteinander, anstatt gegenteilig arbeiten. Denn was die aktive Hilfe angeht, die wir den Tieren bieten wollen – sie funktioniert nur, wenn wir funktionieren. Was wir brauchen sind langfristig und nachhaltig engagierte Menschen, die nicht innerhalb von, sagen wir mal 2 Jahren, Duzende von Ratten bei sich aufnehmen und danach ausgebrannt sind, sondern lieber ab und zu ein paar Nasen, aber uns erhalten bleiben und auch noch in 10 Jahren ihre Erfahrungen weitergeben können, bspw. an Anfänger. Ein nicht zu unterschätzender Wert sind nämlich gerade Erfahrungen, die es vielleicht im Vorfeld vermeiden, das Notfälle überhaupt erst entstehen.
Natürlich sind wir alle in die Leiden der Tiere involviert, aber es nützt uns doch gar nichts, unsere Kraft auf unwichtige Dinge zu konzentrieren – setzen wir sie lieber ein zum Wohle der Tiere! Tierschutz ist nicht gleich Tieraufnahme, in den “tierfreien” Zeiten können wir uns Weiterbilden, Erfahrungen weitergeben, Informationen sammeln und verteilen. Es gibt so viele Möglichkeiten! Warum werden diese dermaßen unterschätzt? Es hilft doch viel mehr Tieren, wenn ein Notfall gar nicht erst entsteht, sprich Vorsorge ist bei weitem effektiver als Nachsorge durch Aufnahme!

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Geschrieben unter: Probleme im Tierschutz

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