“Wilde Vermutungen” – Wildanteilige Ratten.
(Beitrag im “Rattgeber” Nr.69 2006)
Leider tauchen immer wieder und neuerdings auch wieder häufiger Wildratten (Rattus norvegicus) bzw. Wildanteilige (aus Verpaarung mit Farbratten hervorgegangen) in den Notfallisten auf.
Dem folgt meist ein “Rattenschwanz” an Problemen, begonnen bei der Haltung bishin zur Vermittlung.
Es ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, daß ab und zu Wilde/ Wildanteilige in der Vermittlung sind (Fundtiere, ausgesetzte Farbrattenweibchen verpaaren sich, ect.), allerdings habe ich auch das Gefühl, daß sich bestimmte falsche Annahmen über Wilde/ Wildanteilige hartnäckig halten und immer wieder unwissende Menschen verleiten, die Tiere zu zähmen oder zu vermehren.
Eine davon ist bspw. das Gerücht, daß Wildratten wesentlich älter werden als Farbratten und auch keine Tumorneigung besitzen. Das ist grundsätzlich falsch. Ihre Lebenserwartung liegt ebenso bei ca. 2 Jahren (was man gut am Eintritt der Menopause bei den Weibchen erkennen kann), vielmehr sterben sie meist früher als unsere Heimtiere durch Beutegreifer. Wilde/ Wildanteilige können auch ebenfalls Tumore bekommen. Durch das Einkreuzen genetischen Materials von Wildtieren in unsere Farbratten ist also keineswegs eine Besserung der gesundheitlichen “Grundausstattung” zu erwarten, eher im Gegenteil.
Das Problem liegt, wie bei allen Wildtieren, in ihrem natürlichen Lebensumfeld begründet. Trotz daß sich speziell Wanderratten als euriöke Art extrem gut anpassen können sowohl durch Mutation als auch durch Modifikation sind sie an ihren eigenen Lebensraum gut angepasst, nicht aber an das Lebensumfeld einer in Heimtierhaltung lebenden Farbratte.
Zusammenfassend muß man sagen, daß Wilde/ Wildanteilige nur Ähnlichkeiten (Verhalten, Futteraufnahme und Stoffwechsel, Habitatansprüche, Handling, ect.) mit Farbratten haben ,aber eigentlich Wildtiere sind.
Leider haben wir in unserer Pflegestation “Das Tierhausi” in letzter Zeit häufiger als sonst Wilde/ Wildanteilige gehabt, ihnen ein gutes und einigermaßen artgerechtes Leben zu bieten ist sehr schwer bis unmöglich! Um für die Zukunft einigen Tieren das Leid, in Gefangenschaft leben zu müssen, zu ersparen, will ich hier kurz einiges an Erfahrungen zu Wilden/ Wildanteiligen schildern – vielleicht hält es einige Menschen davon ab, eine freiheitsliebende, sehr soziale und interessante Art hinter Gitter zu sperren und sie bis zu ihrem Tod den Qualen der Frustration, Langeweile und sozialen Abgeschnittenheit preiszugeben – aus reinem Egoismus und Ignoranz!
Im Umgang mit Wilden/ Wildanteiligen manifestieren sich deutlich Unterschiede zu Farbratten, ich will nicht unbedingt von Domestikation sprechen, aber von unübersehbaren dahingehenden Veränderungen. Das betrifft die phänotypische Ausprägung (Rumpfform, Größe, Zeichnungen, Färbungen, Organgrößen und -gewichte, Stoffwechsel, Futteraufnahme, Vermehrung, ect.) und z. T. auch die genotypische Ausprägung. Vereinfacht sieht das folgender maßen aus: Je höher der Wildanteil im Tier, desto “wilder” verhält es sich auch (es gibt wie immer seltene Ausnahmen, je nach Prägung und Genetik). Meist gut äußerlich erkennen kann man einen Wildeinschlag an seiner Fellfärbung und -zeichnung, es sind Agoutis (Haare nicht kpl. durchgefärbt, Anteile von schwarz bis hellbraun/ rötlich), die Bauchseite ist ein wenig heller. Die Tiere sind meist recht gedrungen, die Ohren sind klein und sie sind sehr schnell und wendig. Große Wanderratten gibt es, aber sie sind im Vgl. zur Gesamtpopulation eher selten. Allerdings reicht das zur Unterscheidung von Farbratten noch nicht. Wilde/ Wildanteilige haben je nach Stärke des Einschlags meist dunkle Fußunterseiten, die Ballen sind durchgefärbt. Das sind die augenfälligsten Merkmale, es gibt auch noch feinere Kriterien. Kann man sich nicht sicher sein, so sollte man am Verhalten des Tieres beurteilen, ob eine Möglichkeit des Wildeinschlages besteht.
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