Herr Püsch
… oder wie man ein “Tierhausi” entert.
(Beitrag im “Rattgeber” Nr.71 2006), Lesung am 05.09.06 bei Radio Unerhört Marburg.
Eigentlich wollte ich ja nun keinen Beitrag mehr für den neuen Rattgeber schreiben, da ich mich nicht besonders gern selbst lese und lieber vom RG überraschen lasse – aber ich muß wohl doch noch eine Geschichte verzapfen, besser, die verzapfte zu Papier bringen.
Es ist eine wahre Geschichte, so geschehen vor 2 Tagen hier im “Tierhausi”, und der Held des Ganzen ist ein Wilratterich namens Herr Püsch, der sich anscheinend in der Nähe von unserem “Tierhausi” (wie entlaufene Hunde und zugelaufene (!) Schildkröten) ganz wohl zu fühlen scheint. Genauer gesagt, das seit ca. einem Jahr, und v.a. in der Nähe unseres Kompostes, der auch die nicht mehr zu gebrauchenden Käfiginhalte unserer Ratzen beherbergt. Dieses Wohlfühlen erstreckte sich im letzten Herbst mittels eines Gangsystems bis unter unseren Schuppen, und gipfelte in gezielten Attacken auf unseren Grassamen bzw. meinen Aschenbecher.
Das kam so: eines Tages kam ich in den Schuppen und wollte… , lachte mich aber spontan kaputt über eine in der Bredouille, sprich, Holzkiste mit Krams, steckende, ertappte, fast schon verzweifelt einen Fluchtweg suchende Wanderratte. Die dicken Klöten hinten eingezogen, sprang sie immer wieder hoch um auf den Rand der Kiste zu gelangen, aber da sie wohl noch nicht ganz ausgewachsen war gelang es ihr nicht.
Da ich zwar spontan ganz gemein und schallend über den kleinen Hopserich gelacht habe, aber ihm nun auch helfen wollte, ließ ich die Schuppentür über nacht offen, damit er in Ruhe sich in Sicherheit bringen konnte. Das tat er denn auch, und ich meinerseits war recht erbaut über die Begegnung – sollte er sich hier ansiedeln, haett’ ich keine Maeuse mehr (ja, kann auch zum gewünschten Dauerzustand ausarten, aber meist nur auf dem Lande!).
Er tat’s – bekam einen Namen und Familie, und hatte nun seinen Hauptwohnsitz unterm Schuppen.
Ich beließ es bei Friede und Freude, den Eierkuchen aß ich lieber selbst. Dieser Zustand war leider nicht von Dauer – Herr Püsch hatte sich anscheinend gemerkt, wer da so fies damals gelacht hatte, und begann, mich zu ärgern. Erst riß er alle Tüten mit Grassamen im Schuppen auf, derer er habhaft werden konnte (könnte ja in jeder was anderes sein), eine Etage tiefer selbiges mit den Paketen Muttererde. Möglicherweise wollte er ja nur seine Schlafkammer bepflanzen, dem widersprechen allerdings die angestrengten Hinterlassenschaften an Ort und Stelle. Zu dieser Schweinerei konnte er – so scheint’s – auch seine Familie überzeugen, das Endergebnis war jedenfalls, daß seit damals nun Gras in unserem Schuppen wächst.
Außer den recht eigenwilligen gärtnerischen Bemühungen latschte er mit Vorliebe direkt unter der Nase unseres äußerst bemühten, aber hoffnungslos lieben Hundes vorbei und hopste auf unseren Tisch, wobei er sich reichlich an den Kippen im Aschenbecher bediente. Rauchen war wohl eine seiner großen Leidenschaften, was mich dazu veranlaßte, nach jeder Zigarette den Stummel im Hausmüll zu vergraben – schließlich will ja keiner, daß es dem Herrn Püsch schlecht ergeht, Rauchen kann ja, wie wir alle lesen können – tödlich sein.
Im Kreuzzuge der Gesundheit des Herrn Püsch mit Raserei, akutem Lochfraß (Calgon hier nicht wirksam) und Lungenkrebs ringend wünschte ich mir in lichten Momenten manchmal doch meine Mäuse zurück…
Im Winter bekamen wir dann eine Erholungspause, Herr Püsch hatte es sich bequem gemacht und würdigte uns keiner Aktion, solange der Rattimaresteimbiss Kompost geöffnet hatte.
Aber bekanntlich steigen ja die Ansprüche mit dem Lebensniveau… Ich war schon fast im Begriff, die schöne Zeit nostalgisch verklärt zu vermissen, da fiel mir das Problem Herr Püsch vor wenigen Tagen nicht nur wieder recht realistisch ein, sondern buchstäblich direkt auf den Kopf.
Folgendes geschah: Auf dem Vordach rumste es, ich zog den Kopf intuitiv ein ob der bekannten Morsche der Balken, blinzelte und sah Herrn Püsch – diesmal grinsend und gut bestückt, an der Verbalkung herabklettern, winken und Richtung Schuppen entschwinden. Nach Überwindung des ersten Schocks reimte ich mir zusammen, daß er wohl in der Dachrinne die Spatzennester geräubert haben mußte – wie weit ich damit fehlte, kam nun vor 2 Tagen ans Licht…
Düster war’s und der Mond schien… – nein, tat er nicht, es regnete nämlich. Plötzlich zeckte es im Rattenzimmer, was ja nun nicht ungewöhnlich ist, bei Weibern (egal welcher Säugerart zugehörig) zeckts ja immer – trotzdem ging meine bessere Hälfte doch mal nachschauen worüber sie sich nun schon wieder in der Wolle hatten.
Plötzlich ein Schrei – “Da ist eine zum Fenster raus!!!” – der mich aus Montag – abendlicher Lethargie sofort auf Road – Runner – Niveau mobilisierte!!!
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