Abszesse – einige Zusatzüberlegungen.
Die Erkennbarkeit eines Abszesses ist oft für den normalen Halter schwierig bis unmöglich. Ein innen liegender Abszess bspw. kann maximal – von einem erfahrenen Ta – vorsichtig ertastet werden, zur Verifizierung müssen trotzdem noch weiterführende Untersuchungen (Sonographie, Geräte meist in Tierkliniken vorhanden – Überweisung!) durchgeführt werden. Die Prognose ist trotzdem nicht besonders gut – eine Operation ist meist unumgänglich und risikoreich. Ein Organabszess kommt auch meist nicht von ungefähr oder allein…
Grundsätzlich eine bessere Prognose ist bei einem an der Oberfläche lokalisierten Abszess zu erwarten. Aber auch diese können ungünstig liegen, in der Nähe wichtiger Arterien oder Gewebe, im Kopf- und Halsbereich oder sie über Druck bspw. auf lebenswichtige Organe aus. Ist die Lokalisation eines oberflächennahen Abszesses ungünstig, drückt er bspw. auf die Luftröhre und erschwert dem Tier das Atmen, muß ein operativer Eingriff erfolgen. Der Abszess wird, wie in o.g. Artikel näher beschrieben, vom Ta entfernt oder gespalten, meist letzteres. Ein solcher, am besten unter Gasnarkose durchgeführter Eingriff ist nicht als leicht einzustufen! In vielerlei Hinsicht können Probleme auftreten, es besteht immer die Gefahr einer Sepsis, einer Wiederentstehung oder einer Neuentstehung, gerade dann, wenn der Abszess noch nicht vollständig “gereift” ist (hart, maximale Umfangsvermehrung, Eiter dickflüssig bis brockig), bzw. die einer üblichen Infektion / Reinfektion wie nach jeder OP, v.a. bei offenen, von innen nach aussen heilenden Wunden. Das ist hier der Fall, die geöffnete, ausgeräumte und antiseptisch versorgte Abszesskapsel muss bis zur Ausheilung offengehalten werden. Die Wunde muss täglich mind. 2 x gespült werden (gute persönliche Erfahrungen mit Lavasept) um vorsichtig neu entstehenden Eiter auszuwaschen ohne gesundes Gewebe zu verletzen, danach lokalantibiotisch versorgt werden (dito mit Tenazymsalbe, löst zusätzlich nekrotisches Gewebe auf) und parallel muss eine systemisch – antibiotische Versorgung des Tieres (dito mit Antibiotikum Marbocyl (Marboxacyl) oral über mind. 10 d) stattfinden.
Gelingt es nicht, die gespaltene Abszesskapsel offen zu halten bis zum Abschluss der Heilung und verschliesst sich die Wunde, ist davon auszugehen, dass ein neuer Abszess (auch nach einiger Zeit, s.o.) entsteht. Deshalb sollte eine erneute Eröffnung unter Gasnarkose (in kurzen Abständen weniger belastend für Kreislauf als Injektionsnarkosen) durch den Ta erfolgen, und die Behandlung beginnt von vorn. Die Heilung kann sich also recht langwierig gestalten in der Abszessbehandlung.
Ein Großteil aller Abszesse sind allerdings solche, die durch Verletzungen des Tieres wie Bisse, Splitter (Einstreu ect.) oder anderes Eindringen von Fremdkörpern oberflächennah entstehen und das Tier massiv einschränken. Diese Abszesse haben somit eine Verbindung aus dem Körper heraus, den sog. “Eintrittskanal” (ebenfalls Auskleidung mit Granulationsgewebe), welcher sich nur oberflächlich vor der Abszessentstehung verschliesst und sich auch meist bei Erreichung der Reife des Abszesses wieder öffnet und Zugriff zur Ausräumung erlaubt. Die Behandlung erfolgt wie oben, die systematische Antibiose sollte allerdings früher einsetzen (ab Feststellung einer Abszedierung), um den Reifeprozess zu beschleunigen. Weiterhin möglich ist auch während der Reifung eine Nekrotisierung vormals gesunden Oberhautgewebes, dieses löst sich bei der Reife selbsttätig und erlaubt noch besseren Zugriff.
Wichtig bei diesen, häufig vorkommenden, ohne operativen Eingriff und mit guter Prognose behandelbaren Abszedierungen ist ein signifikant geringeres Risiko der Sepsis und eine meist unproblematische und vollständige Ausheilung.
Die Haltung der Tiere mit Abszessen in Behandlung sollte separat (Infektionsgefahr!) ohne Einstreu auf weissem Küchen- oder Toilettenpapier (Sichtbarkeit Blut, Eiter, Ausfluß ect.) erfolgen, Kot- und Urinstellen sollten sofort nach Absatz gesäubert werden. Futter- und Trinkgefäße sollten nicht auf dem Boden stehen.
Zum Abschluß noch ein wichtiger Hinweis – es ist schon vorgekommen, dass zur Behandlung von Abszessen und anderen eitrigen Infektionen (bspw. Gebährmuttervereiterung) Corticoide (Kortisone, Entzündungshemmer) parallel eingesetzt worden sind, davor möchte ich ausdrücklich warnen! Eine “Entzündung” ist in diesem Fall positiv, sie ist eine Reaktion der körpereigenen Immunabwehr und trägt eintscheidend zur Heilung bei. Cortisone sind immunsupressiv und bei diesen Krankheitsbildern kontraproduktiv, was die Heilung angeht.
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