Eine Weihnachtsgeschichte
… oder wie der Blauäugige die Rotaugen verachtet.
“Vorsicht – bissig!”
…warnt eine Textüberschrift oder ein Schild am Gehege im Zooladen.
Dahinter sitzt vielleicht eine kleine Maus, ein Männchen, und beobachtet angestrengt. Diese Maus ist unser Observer. Folgende Szene spielt sich ab:
„Mama – gucke mal – Raddn!!! Sind die süss! Darf ich eine haben?!? Bittebitte… BIIIDDE…!!!“ Ein flehender Blick auch kullerrunden, unschuldig blauen – aber extrem hartnäckig nervenden – Kinderaugen trifft unser ach so gestresstes Muttertier. Stress – durch schlechte Umweltbedingungen, selbst erschaffen. Nur einen weiblichen Welpen hat sie zu versorgen, weder Futter noch medizinische Versorgung hat dieser zu entbehren – das Muttertier kann sich also anderem widmen. Trotzdem – der Stress ist ein gewaltiger, dem sie sich ausgesetzt fühlt, seit der Welpe da ist. Schon die Trächtigkeit machte ihr mächtig zu schaffen, jetzt muss sie für so viele Dinge sorgen… Wofür?
(Observer: „Das herauszufinden ist uns derzeit nicht möglich, es sei den hoch dotierten Wissenschaftlern der Mäusegesellschaft anheimgestellt.“)
Nun ja, sie beugt sich dem Druck und erwirbt einen kleinen Käfig Marke „Hamsterknast“, irgend noch ein Futter der hauseigenen Firma „Klärschlammsubstrat Mottenfix Premium“ dazu und ein Päcken von der Staubstreu „Milbemax Röchel und Co.“.
Derweil klebt der kleine Welpe recht unruhig und aufgeregt mit der Nase an der Glasscheibe von der Kiste, in der sich eine lustig muntere, bunte Gesellschaft aller Grössen und Formen tummelt. Die Ratten kullern lustig umeinander, hopsen aufeinander rum und die grösseren hüpfen auch hoch. Aber der Welpe will was Kleines, was genauso klein ist wie es selber, um schon mal Muttertier spielen zu können indem es ihr Verhalten nachahmt. Also grapscht es munter rein und rührt schon mal kräftig durch.
„Ihhh – Mama, das stinkt aber!“… „Ja Kind, wir kaufen ja nur eine, die stinkt dann kaum!“
Derweil hopsen die grösseren Ratten noch illustrer, das erfreut den Welpen. Dabei zieht er ein kleines weisses Bündelchen am Hinterfuss raus, aber es bewegt sich kaum noch. Das Muttertier steht mit angeekeltem Gesicht ein Stück weit entfernt und meint skeptisch: „Nee, das lass mal, das ist nicht mehr gut! Schau mal, da ist so ein graues – igitt, das sieht ja aus wie die widerlichen fetten Kanalratten!!“ Erschrickt lässt der Welpe das graue, angsterstarrte Wesen fallen und wühlt fleissig weiter. Wieder hat es ein blütenweisses kleines Fellknäuel am Schwanz erwischt – es ist ein kleines Mädchen. Die Kleine kneift ganz fest die Äuglein zu, weil sie so viel Angst hat und es ihr wehtut. Erst als der Welpe sie mehrmals mit seinen Pfoten anstupst, reisst sie die Augen auf – und siehe da, sie sind leuchtend rot wie die wärmende Sonne über der Steppe Asiens, wenn sie ihre letzten Strahlen am Ende eines Tages vergiesst.
Voll freudiger Erwartung blickt es zum Muttertier in der Hoffnung, das kleine Kind in einen Pappsarg quetschen und mitnehmen zu dürfen. Aber die Haltung des adulten Weibchens lässt anderes ahnen… Ihre Augen – weit aufgerissen diesmal nicht nur vor Abscheu, sondern auch nackter Angst – stieren in die kleinen Sonnenaugen des Mädchens.
Die ihren sind blau (wie der weite Ozean – könnte man in einem anderen Universum annehmen) – ein hässliches, verwässertes blau, es erinnert einen unwillkürlich an einen toten Fisch – man kann es förmlich riechen. Ein kalter, feuchter Tod – wie Ertrinken in einem schmutzigen Hafenbecken – ohne einen Ausweg, ohne Hoffnung.
Das kleine Rattenmädchen gibt auf, sie schliesst ihre kleinen Sonnenaugen und versucht, ganz tapfer zu sein… doch sie hat nochmal Glück. Die Welpenpfote lässt ihren Schwanz los, und ganz unvermittelt findet sie sich zwischen ihrer Familie wieder.
Geschrieben unter: Geschichten und Gedichte, Tierschicksale







28.06.2010 um 22:39
Da kommen mir die Tränen. Tiere anschaffen ist wie Kinderkriegen: man soll genau überlegen, was man tut und wie man es tut und ob man wirklich die Verantwortung übernehmen kann und will. Ein ganzes Tierleben lang, in guten und in schlechten Zeiten, im Alltagsstress und Urlaub.