“Kratzratten” – Atopische Ulzerative Dermatitis.
AUD – ein multifaktorielles Geschehen.
Mäuse “kratzen sich die Ohren ab”, Ratten “lecken sich das Hinterbein bis zur Nekrose und Amputation” und Halter dieser Problemtiere “raufen sich die Haare bis zu deren Ausfall”.
Gibt es Ursachen für die Krankheit, und wenn ja, welche?
Im Prinzip kann man die Frage mit einem deutlichen ja beantworten, auch wenn die Ursachen sehr vielfältig sein können und die Problematik erst durch einen Auslöser initiiert wird.
Mögliche Ursachen liegen bspw. in einem o.a. schwachen Immunsystem, das ja nun mit dem Alter bekanntlich nicht stärker wird. Das Immunsystem eines Tieres ist genetisch determiniert und daher ist hier auch nur eine symptomatische Behandlung möglich. Das immunologische Krankheitsbild der AUD ist nicht geklärt. Man kann versuchen, das Immunsystem des betroffenen Tieres zu stärken, bspw. durch Gabe von Baypamune/ Zylexis, durch Unterstützung in den Haltungsbedingungen (Kein Dauerstress Ernährung/ Habitat/ Gruppendynamik/ Interaktion Halter/ weitere Krankheiten für die Tiere!) und durch die Haltung von Gruppentieren als Gruppe. Das Stresslevel ist bei einzeln gehaltenen Tieren von Mäusen und Ratten signifikant höher als bei in Gruppen gehaltenen (ab 3 Tieren aufwärts im Rudel), die Ausschüttung von Stresshormonen bspw. 3 x höher im Vergleich. Untersuchungen von typischen anthropogen – dümmlichen Zweierverprägungen wurden leider noch nicht vorgenommen, aber allein am Verhalten der Tiere dieser Verprägungen ist ebenfalls ein erhöhtes Stresslevel erkennbar.
Die zweite Form der Ausprägung ist das allergisch bedingte Krankheitsbild, hier auch sehr variabel in Sachen Hilfestellung fürs Tier. Als häufigste Auslöser für Allergien bei Kleinnagern gelten bspw. Stäube verschiedener Einstreu- und Futtersorten, Nahrungsmittelbestandteile (wie bspw. tierisches Eiweiss, hier auch teils mengenabhängig), Ausdünstungen verschiedener Kunststoffe (Teppiche, Gehegebestandteile usw.) bzw. behandelter Naturstoffe (versiegeltes Holz, Spanbauplatten ect.), Nahrungsmittelzusatzstoffallergien (die berühmten “E’s”), Allergien auf behandelte Lebensmittel (Pestizide, Insektizide, Fungizide ect.), Waschmittel (bspw. bei Hängematten) u.v.m. Hinzu kommen erschwerend meist im Haltungsbereich eine zu geringe relative Luftfeuchte in Zusammenhang mit der Temperatur. Schlechte Haltung (ungeeignete Gehege, mangelnde Hygiene – Tiere sitzen in eigenen Exkrementen usw.) soll hier kurz mit erwähnt werden, bspw. resultierend die sogenannte “Ammoniaklunge”. Die Vorgeschichte der Tiere spielt für ihre späteren Krankheitsgeschehen eine wesentliche Rolle!
Jedes Tier kann aber allergisch gegen so ziemlich alles sein, nach dem Sherlock Holmes – Ausschlussprinzip kann hier der geflissentliche Halter eliminieren und sich einen Kullerkeks freuen, wenn er es trifft. Es gibt bei nicht eliminierbaren Faktoren die Möglichkeit, systemisch und symptomatisch mit Antihistaminika zu arbeiten, diese sollten Juckreiz, Entzündungsgeschehen und Schmerz minimieren und brauchen einen Zeitraum von ca. 7 – 14 Tagen, um anzuschlagen. Wenn bspw. die Haut zu viel Wasser nach aussen abgibt und dadurch trocken wird, juckt und zum kratzen reizt, kann das im gewissen Rahmen einreguliert werden, allerdings welche Präparate wirken und welche nicht, ist fallspezifisch. Zusätzlich können Kortisone angewandt werden, allerdings sollte man sich der immunsuppressiven Wirkung dieser bewusst sein, v.a., wenn systemisch und ohne antimikrobielle Begleitung angewandt, der Zustand kann sich also mglw. verschlimmern. Ggf. hilft lokale Anwendung von Cortavance, aber wie bei jeder lokalen Aufbringung kann es die Tiere reizen, noch mehr an diesen Stellen zu manipulieren oder den Rest der Gruppe, vermehrt an dieser Stelle zu putzen.
Die dritte auftretende Form des Krankheitsbildes will ich mal als hormonell bedingte AUD bezeichnen.
Natürlich ist auch hier gar nichts erforscht, wen wundert’s. Allerdings gab es auch schon Fälle, wo bspw. weiblichen Farbratten, die zusätzlich bspw. einen oder mehrere Mammatumoren hatten, Medikamente für Hündinnen mit Störungen im Hormonhaushalt verabreicht wurden. Oh Wunder – und sie halfen. Das ist natürlich auch alles fallspezifisch und sollte vorher in einer guten tierärztlichen Diagnostik weitestgehend verifiziert werden…
Der Hormonhaushalt, Stoffwechsel und das Immunsystem von Tier und Mensch arbeiten natürlich so eng zusammen, das eins das andere massgeblich beeinflusst und eine direkte Trennung der Faktoren nicht möglich ist. Deshalb ist die AUD auch als ein multifaktorielles Geschehen zu sehen und es gibt keine einheitliche Behandlungsmethode, sowie es auch keine Garantie gibt, das den Tieren geholfen werden kann.
Noch ein paar weiterführende Gedanken zum Schluss.
Natürlich haben alle betroffenen Tiere Schmerzen, keine Frage. Hier an dieser Stelle ein Hinweis auf das “Schmerzgedächtnis”, chronische Schmerzen und auf die Sensibilisierung durch Schmerzen der Tiere. Umso länger sie Schmerzen haben, umso gefährlicher wird es, umso geringer auch die Wahrscheinlichkeit, das ihnen geholfen werden kann. Die Anwendung einer Schmerzmedikation kann also sinnvoll sein, wie bspw. die orale Gabe von Metacam (hemmt Schmerzen und Entzündungen). Bei einigen Tieren verstärkt allerdings eine Schmerzfreiheit die Automutilation, bei anderen wird das angestrebte Gegenteil erreicht. Die Gabe ist hier individuell einzustellen.
Für lokale Behandlung mit bspw. enzymatischen Wundreinigungssalben, Heilsalben ect. (bspw. Nekrolytan, Novugengel, Bepanthen Wund- und Heilsalbe, Dermamycin usw.) gilt es sich anzusehen, ob sie wirken bzw. ob sie auch zum Wirken kommen, oder das Tier bzw. dessen Rudelmitglieder zu erhöhter Manipulation an den betroffenen Stellen verleiten und damit kontraindiziert sind!
Fenistil orale Tropfen oder lokale Anwendung als Lösung wurde immer wieder bei Kratzmäusen genannt. Wenn es hilft, umso besser, aber eine gute Beratung beim TA vorausgesetzt, denn so ganz nebenwirkungsfrei ist es eben nicht. Es scheint, als könne es in manchen Fällen den Juckreiz zumindest auf Zeit herabsetzen, allerdings ist nicht klar, ob dann nicht eher in diesen Fällen die Erkrankung in Schüben auftritt.
Essentielle Fettsäuren (Omega 3 und 6 bspw.) sind funktionell für den Schutzmantel der Haut, das gilt auch für Ratten und Mäuse. Fehlen sie, bspw. bei Mangel-, Fehl- oder Unterernährung, unterstützt das das Krankheitsgeschehen. Ein Zusatz an essentiellen Fettsäuren über die Nahrung konnte positive Ergebnisse erzielen, oral und lokal – aber auch hier in Absprache mit dem TA. Nebenwirkungen gibt es auch hier, wenn sinnlos experimentiert wird (Stichwort Pankreatitis).
Jedwede Medikation ist also mit einem kompetenen TA abzusprechen und individuell fallbezogen auf das betroffene Tier anzuwenden. Hier gilt wie überall: so viel wie nötig, so wenig als möglich! Keine Experimente und eine gute Dokumentation des Fallgeschehens helfen dem Tier und ggf. später auch anderen Tierhaltern!
Geschrieben unter: Aktuelles, Tiergesundheit, Top Thema






